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Bitte deine Mitarbeiter die Firma zu zerstören

Wie treibt man digitale Innovationen in Industrieunternehmen richtig voran?

Diese Frage wurde mir in letzter Zeit immer häufiger gestellt.

Grund genug, diesen Artikel zu schreiben. Um auch über persönliche Gespräche hinaus, die eine oder andere Antwort zu geben. Doch der Reihe nach…

In den vergangenen Monaten hatte ich Gelegenheit, mich persönlich mit Vertretern der traditionellen Industriebranchen auszutauschen – darunter Unternehmer, Gesellschafter, Vorstände und Führungskräfte. Meine Gesprächspartner kommen aus dem Maschinenbau, der Elektrotechnik, dem Baugewerbe und der Kunststoffindustrie. Ihre Unternehmen, mal klein, mal groß, beschäftigen zwischen 100 und 3.000 Mitarbeiter.

Um gleich mit einem typischen Vorurteil aufzuräumen: Die mittelständische Industrie ignoriert die Digitale Transformation keinesfalls. Allen Gesprächspartnern ist klar, dass daran kein Weg vorbeiführt.

Was jeden Einzelnen beschäftigt: Wo beginnt man mit digitaler Innovation in einem über Jahrzehnte gewachsenen Unternehmen? Und wie setzt man erste Erfolgsbausteine schnell und ROI-orientiert um?

Der Blick nach außen ist wichtig…

Digitale Innovation lässt sich auf viele verschiedene Arten und Weisen vorantreiben. Grundsätzlich kann das von außen und/oder von innen geschehen.

Typisch für „von außen“ ist, dass Unternehmen auf externe Berater zurückgreifen. Und größere Unternehmen dazu auch gerne mal ganze Beratungsmannschaften anheuern. Ob das ein guter Weg ist, möchte ich in einem meiner nächsten Artikel ausführlich beleuchten.

Eine weitere Möglichkeit: Industrieunternehmen kooperieren mit und/oder beteiligen sich an strategisch relevanten Startups. Oder gründen sogar gleich eigene Corporate Venture Gesellschaften. Wirft man einen Seitenblick auf die ganz Großen des Digitalzeitalters, scheint das auch ein probates Mittel für Innovation zu sein. Zumindest „fühlen“ sich die jeweils weit über 200 Akquisitionen von Google, Microsoft und Cisco wie ein Best Practice an.

…aber zu Beginn nicht immer richtig

Für die mittelständische Industrie halte ich eine Startup-Beteiligung in Phase 1 allerdings für wenig sinnvoll. Speziell dann, wenn Unternehmen am Anfang ihres digitalen Innovationsprozesses stehen. Die Erfahrungswerte mit Startup-Beteiligungen sind häufig gering. Die damit verbundenen Herausforderungen groß. Sei es nun die Akquisition selbst. Oder der anschließende „Post-Merger-Prozess“. Kurzum: Die (eigentlichen) Innovationsziele fallen nicht selten diesem Anlass zum Opfer.

Es gibt aber auch Unternehmen, die diesen Schritt gegangen sind, wie z.B. der Stahlhändler Klöckner & Co.

By the way – ich persönlich habe mehr als einmal gesehen, welche Hürden entstehen, wenn zwei völlig verschiedene Unternehmenskulturen aufeinandertreffen. Was auf dem Strategiepapier hervorragend funktioniert, sieht im Daily Business oft ganz anders aus.

Zurück bleiben die enttäuschten Erwartungen aller Stakeholder. Und die ausbleibenden Erfolge eines vielversprechenden Geschäftsmodells.

Der traurige Schluss: Die einst innovative Unternehmung wird in die Muttergesellschaft integriert. Und verschwindet damit als „gescheiterter Versuch“ in der Versenkung.

Technologie ist wertschöpfend…

Damit drängt sich nun schon fast automatisch die Frage auf: Warum digitale Innovation nicht direkt „von innen“ vorantreiben? Aus dem Unternehmen selbst. Mit den wertvollen Assets, die bereits vorhanden sind.

Klingt soweit einleuchtend. Sollte uns als Gesellschafter und Unternehmensführung allerdings nicht zu sehr in Euphorie verfallen lassen. Dieser Weg ist zwar eng mit unseren Organisationen verbunden, deswegen aber nicht unbedingt einfacher zu gehen.

Zunächst muss eine wichtige Voraussetzung erfüllt sein: Unternehmen brauchen eine Technologiebasis, die digitale Innovationsprozesse überhaupt erst möglich macht. Ein wenig mehr als die gute, alte Excel-Liste und das bewährte Intranet sollte es schon sein.

Schließlich geht’s um echte Kollaboration.

Also eine Online-Plattform, die ALLE Mitarbeiter einer Organisation vernetzt: aus dem Headquarter, den Auslandsniederlassungen und von unterwegs. Es geht um reibungslosen Informationsaustausch und schnelle Feedbacks. Neue Ideen und Konzepte müssen zwischen allen Beteiligten fließen können – unabhängig von Ort und Zeit. Und ohne ein weiteres Datensilo zu erzeugen. Alles in einem System. IT-Security inklusive.

…wenn die Unternehmenskultur passt

Steht das erstmal, wird’s spannend. Denn Erfolg und Misserfolg einer solchen Initiative liegen dicht beieinander. Auf was kommt’s also an?

Die Technologie? Schlanke, automatisierte Prozesse? In Kombination sicher wichtig. Doch beides allein wird nicht ausreichen. Auch wenn ich in meinen Einzelgesprächen wahrnehme, dass dies dem „Idealbild“ des einen oder anderen Industrie-Executives entspricht.

Schöne neue (digitale) Welt – nicht nur einfach, sondern auch wohltuend bequem.

Das wird so (leider) nicht funktionieren.

Unternehmen im Allgemeinen – und wir Gesellschafter, Unternehmer und Führungskräfte im Besonderen – sind gefragt. Es liegt in erster Linie an uns, die richtigen Rahmenbedingungen für digitale Innovation zu schaffen.

Dazu müssen wir zunächst gegenüber völlig neuen Ansätzen absolut offen sein. Wir müssen selbst den Nutzen erkennen und visionär vorantreiben. Kurz: Glaubhaft vorleben. Lippenbekenntnisse haben keine Chance.

Eine unserer großen Aufgaben ist, die eigene Unternehmenskultur weiterzuentwickeln. Revolutionär im Denken, evolutionär in der Umsetzung. Aber mit Speed, denn der Markt wartet nicht auf uns. Und übrigens auch nicht unsere Mitarbeiter. Christiane Pütter bringt in ihrem Beitrag zur Studie von MIT und Deloitte die Sache auf den Punkt: Jede dritte Führungskraft will das Unternehmen verlassen, wenn die Ansprüche an Digitalisierung nicht erfüllt werden.

Wenn wir also Mitarbeiter binden und die besten Talente für uns gewinnen wollen, ist Freiraum wichtig. Diesen müssen wir ihnen bieten. Gestaltungsmöglichkeiten schaffen, befähigen statt kontrollieren. „Erlauben“, das Unmögliche durchzuspielen.

Das motiviert (fast) alle über gänzlich Neues nachzudenken. Bekanntes in Frage, ja sogar auf den Kopf zu stellen. Bewährtes bewusst und konstruktiv zu „zerstören“. Und letztendlich diese Ideen und Konzepte auch mit anderen im Unternehmen zu teilen.

All das können wir mit einem kleinen Team beginnen. Und gezielt zu einer eigenen organisatorischen Einheit weiterentwickeln: Eine „Pilotabteilung“ mit eigenen Geschäftszielen, vereinfachten Prozessen und hoher Agilität – die später als Erfolgsmodell innerhalb der gesamten Organisation ausgerollt werden kann.

Wunschdenken oder Realität?

Kein großer Zauber? Klar, klingt ja alles logisch.

Genau deshalb wundert es mich dann persönlich immer wieder, wie viele Initiativen in der Industrie hinter ihren Potenzialen zurückbleiben bzw. überhaupt nicht erst begonnen werden.

Mal heißt es: „Das haben wir schon probiert und es hat nicht funktioniert.“

Ein anderes Mal: „Wir haben zu viele Mitarbeiter, die diesen Schritt blockieren. Deshalb lassen wir das auch.“

Taucht man tiefer ein ins Unternehmen, spricht mit Mitarbeitern, wird das Bild transparenter: Die meisten von ihnen empfinden es als „zermürbend“, dass zwar viel und gerne über große Visionen geredet wird, diese dann allerdings im Keim erstickt werden.

Neue Ideen werden zielsicher abgeschmettert. Die Fehlertoleranz ist gleich null.

Die Folge: geringe Motivation und sinkende Produktivität.

Innovationsimpulse aus den eigenen Reihen: Fehlanzeige!

Sicher ist: Unternehmen bewegen sich in Märkten, die sich mit atemberaubender Geschwindigkeit wandeln. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht (wenn überhaupt).

Die Herausforderung, in diesem Umfeld für eine Firma zu arbeiten, ist genauso groß wie sie zu steuern. Das sollten wir uns als Gesellschafter und Unternehmensführung immer wieder vor Augen halten.

Digitale Innovation, ja Innovation als solches, kann ohne Motivation nur schwer entstehen. Und um Mitarbeiter zu motivieren, brauchen wir mehr als nur die üblichen Management-Parameter wie Budgets, Zielvereinbarungen, Boni und das heiß begehrte Smartphone.

Ein Umfeld aus Wertschätzung und der Möglichkeit eigene Ideen zu entwickeln ist absolut notwendig.

Zu guter Letzt: Wir sollten auch ein Scheitern innerhalb des Innovationsprozesses als Teil eines größeren Ganzen verstehen.

Zugegeben: Das ist für uns Deutsche nicht immer ganz so einfach 😉

Doch nur so haben Unternehmen die Chance, große digitale Innovationen für ihre Märkte von innen heraus zu entwickeln.

Um die Eingangsfrage nochmals aufzugreifen: Wie treibt man nun digitale Innovationen in Industrieunternehmen richtig voran?

Ich bleibe im Kern bei meiner Antwort und ergänze sie um einen wichtigen Aspekt: Vertrau deinen Mitarbeitern und bitte sie, die Firma zu zerstören.

Titelbild: Rawpixel.com/Shutterstock.com

Mike Flache

Mike Flache

Mike Flache ist Unternehmer, Startup-Investor, Speaker und Berater von Fortune-500-Unternehmen. Er hilft beim Aufbau von Hightech-Startups im Silicon Valley, in Europa und Asien. Als anerkannter Vordenker arbeitet er mit einigen der weltweit renommiertesten Organisationen zusammen. Die Analysten von Onalytica nannten ihn als einen der Top-10-Influencer auf dem Gebiet der digitalen Transformation.

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